Mitgefühl vs. Eigennützigkeit – Tag 8

Transformation und Advent

Dezember 8, 2020

Tag 8

Ein sehr häufiger und auch sehr weiser Rat von Achtsamkeitsberatern ist, seinen Social Media Konsum wesentlich einzuschränken, um seinen Fokus nicht zu verlieren. Eine der Begründungen lautet, dass einen in Social Media ungefiltert schlechte Nachrichten und systemkritische Trolle auflauern und einem das Leben vermiesen.

Während ich den grundsätzlichen Rat sehr unterstütze und für mich selber immer wieder Bildschirmpausen einbaue, um meinen Fokus und mein inneres Gleichgewicht nicht zu schwächen, kann ich diese Begründung aus eigener Erfahrung nicht ganz bestätigen: ich habe es mit der Transparenz meiner persönlichen Präferenzen und dem, WAS ich an Daten über mein Onlineverhalten und meine Person im Netz BEWUSST transparent mache, selbst in der Hand, solche Nachrichten ausgespielt zu bekommen, die ich für wohltuend, ausgeglichen und gehaltvoll halte.

Und so poppte bei mir heute morgen ein Interview aus den amerikanischen Medien mit Scott Galloway auf, es war auf LinkedIn: Scott Galloway ist ein amerikanischer Marketingprofessor, der auch auf deutschen hochkarätig besetzten Branchenevents wie das Online Marketing Rockstars Festival in Hamburg ein beliebter Keynote-Speaker ist. "beliebt" ist vielleicht nicht das richtige Attribut - Scott Galloway ist ein Analytiker mit gestochen scharfer Wahrnehmung und pragmatischem Realismus. Er versteht es mit unverblümter Direktheit und atemberaubender Eloquenz die Big-Tech-Industrie, das Konsumverhalten auf diesem Globus und die Konsequenzen daraus nicht nur für die Werbeindustrie, sondern insbesondere für Gesellschaft und Politik zu umreißen. Seine Kernbotschaft in diesem Interview: Der Kapitalismus wird kollabieren, wenn Unternehmer nicht ihre empathischen Fähigkeiten stärker entwickeln und LIEBE zum zentralen Zweck ihres Handelns und Führens in den Mittelpunkt stellen. Auch wenn die OMR als progressiv bekannt ist, und gerade deshalb derzeit sehr erfolgreich in der Marketing-Branche in Deutschland ist - ich glaube, viele aus den vollgespickten Sälen, die Scott Galloway in den letzten Jahren gelauscht haben, würden über so eine Aussage schief und vielwissend lächeln: "Ist ja gut und schön, aber in unserer Wirtschaft ist das nicht denkbar, vergiss' es!"

Der nächste Post, der darauf folgte, war ein Post von Safia Minney https://safia-minney.com. Ich habe Safia vor 10 Jahren in einer American Breakfast Bar in Manhattan kennen gelernt, eine unglaublich engagierte, energetisierende Persönlichkeit. Sie steht für ethisch korrektes Unternehmertum und ist eine der Vorreiterinnen für diesen Zeitgeist in Großbritannien. Ihr möchte ich bald einen eigenen Post widmen, daher hier für heute nur der Link zu ihrer Seite. In dem heutigen Post - auch auf LinkedIn - zitiert sie aus einen Artikel über die zunehmende Bedeutung für Unternehmer, die monetären Risiken des Klimawandels in ihren Bilanzen zu berücksichtigen.

Desweiteren fiel mir ein Post von Mathieu Ricard in die Hände - Mathieu Ricard https://www.matthieuricard.org/en/ ist ein französischer Naturwissenschaftlicher, vor allem aber berühmt als der glücklichste buddhistische Mönch, der unter anderem den Dalai Lama viele Jahre als Übersetzer und Assistent begleitet hat. Er zitierte heute morgen auf Facebook den Dalai Lama zum Thema Mitgefühl: Mitgefühl und Großzügigkeit müssten frei sein von Eigennützigkeit - ein italienischer Restaurant-Inhaber, der fröhlich mit seinen Gästen plaudert und Anteil an ihrem Leben nimmt, sei eigentlich nicht von Mitgefühl angetrieben, sondern von dem Ehrgeiz, durch eine entspannte Atmosphäre seinen Umsatz zu steigern - je geselliger die Stimmung, desto höher der Weinkonsum, desto häufiger kommen seine Gäste wieder … eine der wenigen Aussagen des Dalai Lama, die ich so nicht stehen lassen würde:

Mit jeder Entscheidung, die wir als Unternehmer, als Führungskraft machen, machen wir uns "schuldig" - wir verfolgen ein Ziel und das Ziel heißt ausnahmslos Wachstum. Diese Eigennützigkeit ist per se aber nicht richtig oder falsch, und schon mal gar nicht moralisch verwerflich: Wir streben nach Mehrwert, der es erlaubt, ein gutes Leben zu führen. Die Frage ist, wie wir "Mehrwert" definieren - und wie wir "ein gutes Leben führen": Wenn nur die kurzfristige Profit-Maximierung in der Bilanz und die Anhäufung von Umsatz und Gewinn für meinen individuellen Lebensstandard als Währung für Mehrwert Priorität hat, dann entspricht das nicht meinem Lustprinzip für Unternehmertum. Bleiben wir bei dem Beispiel des Italienischen Restaurant-Inhabers: Wenn er seine Kunden nicht nur mit seiner guten Küche, sondern einem intensiven Lebensgefühl für Geselligkeit, Zugewandtheit und Freundschaft vermitteln kann, dann ist das ein durchaus erstrebenswertes Wirtschaftsgut - dafür bin ich auch bereit, Geld auszugeben! Natürlich können die Gäste auch ohne Wein und in der eigenen Küche oder beim Grill im Garten glücklich werden. Aber wir Menschen genießen auch gerne und es gibt eine unendliche Vielfalt, Genuss zu erleben, mit all' unseren Sinnen - das ist ein Luxus, der erst einmal nicht verwerflich ist. Für einige dieser Genuss-Erlebnisse arbeiten andere Menschen hart, und daher ist es sehr legitim, wenn die Menschen, die diesen Genuss in Anspruch nehmen, dafür auch bezahlen. Ganzheitlicher Mehrwert entsteht, wenn Mitgefühl und Großzügigkeit in das unternehmerische Handeln mit eingepreist wird: Wenn der Italienische Restaurant-Besitzer selbstgemachte Pasta aus ökologisch und gesundheitlich verträglichem Weizen anbietet, Fisch und Fleisch nach nachhaltigen Kriterien aus ethisch vertretbaren Fanggebieten und Züchtungen bezieht. Und wenn dann die Lieferanten dafür einen fairen Preis erhalten, der der Wertigkeit ihrer Produktivität gerecht wird und ihnen ebenfalls erlaubt, ein "gutes Leben zu führen". Diese ethischen Wirtschaftskreisläufe sind kostenintensiv - alle Beteiligten müssen sich das leisten können. Aber das ist kein Widerspruch, sondern ein Prinzip: Ganzheitlicher Mehrwert entsteht dann, wenn alle Teilhaber in der Wertschöpfungskette das Wohlergehen des Ecosystems im Sinn haben. Warum soll dann der italienische Restaurantbesitzer nicht auch mit seinen Kunden Freude am Genuss haben?

Durch die aktuelle Pandemie gerät die gesamte Restaurant-Branche in vielen Ländern in eine sehr, sehr schmerzhafte Schieflage. Ich möchte bald wieder meinem Lieblings-Italiener lächeln sehen - nicht nur aus Glück um die zwischenmenschliche Begegnung, sondern weil ich seine Erleichterung, wieder Umsätze erzielen zu können, spüren möchte. Auf das Liebe und Mitgefühl uns in der Pandemie nicht verloren gehen und zum entscheidenden Treiber für Unternehmenserfolg in der Zukunft werden kann!