Erinnerungen an meinen ersten Lockdown im Dezember 2019 – Tag 14

Reiseberichte,Transformation und Advent

Dezember 15, 2020

Tag 14

Die nächsten drei Adventstage füllt ein Reisebericht meiner Indien-Reise vor genau einem Jahr aus.
Ich verbrachte Weihnachten vor einem Jahr in Bhutan, mit der Familie meines Partners und in einem Projekt mit einem Management-Institut, für die ich einen Workshop ausrichtete. Vor der Ankunft in Bhutan hatten wir ein paar Tage in Assam eingeplant, im Nordosten Indiens.

Auf einem Reiseblog hatte ich gelesen, dass man in Assam auf Safari-Touren die "Big Five" Indiens erleben konnte. Außerdem wollten mein Freund und ich das Handwerk der Rohseide-Herstellung erkunden - die Kooperative in seinem Heimatdorf im Osten Bhutans, nicht weit von der Grenze zu Assam entfernt, bezieht von dort das Garn für ihre Textilien, die sie selbst mit organischen Farben kolorieren und zu robusten wunderschönen Stoffen verweben.

Wir hatten uns für den 9. Dezember in Guwahati, der Hauptstadt Assams verabredet, von wo aus wir mit einem Tour Operator zu einer geführten Tour aufbrechen wollten. Für mich war es bereits das 4. Mal, dass ich über Assam nach Bhutan einreisen würde. Alle Reisen zuvor in 2014, 2016 und 2018 waren sicher verlaufen und hatten mir ermöglicht, in die Kultur Indiens einzutauchen - und die Natur entlang des Brahmaputra und rund um die Teeplantagen mit Blick auf die steil aufsteigenden Himalaja-Hänge Bhutans zu erkunden. Von Guwahati bis zur Grenze sind es 2-3 Stunden Autofahrt. Es wird geraten, nicht selber zu fahren, sondern über Reiseagenturen Fahrer und Fahrzeuge für die Fahrt zu buchen.

Als wir alle noch nicht ahnten, was 2020 bringen würde, machte ich stattdessen meine ersten Erfahrungen, mich während eines Lockdowns und einer unkalkulierbaren Gefahren-Situation in einer fremden Stadt isoliert in ein Hotelzimmer einzuschließen. Ich lernte überhaupt zum ersten Mal, was die englischen Begriffe "Lockdown" und "curfew" bedeuten. Ich befand mich in einer gefährlichen Situation, und doch war die Gefahr für mich die meiste Zeit nicht sichtbar … in einem Moment jedoch sehr spürbar und beängstigend. Ich erlebte Menschen, die Hass und Ausgrenzung schürten - ich machte aber auch die wunderbare Erfahrung solidarischer Nächstenliebe, gelebter Integration, Gastfreundschaft und Lebensfreude.

Es war aber nicht das erste Mal, dass ich auf Grund der Zeitverschiebung (zwischen Indien und Deutschland beträgt der Zeitunterschied im Winter 4,5 Stunden) und des langen Fluges von lokalen politischen Ereignissen in Indien überrollt wurde, die die deutschen Nachrichtendienste vor meinem Abflug noch nicht erreicht hatten.

Ich landete gegen 1:00 nachts in Delhi - es dauerte dieses Mal allerdings viel länger, um durch die Einreise-Checkin-Schalter durch zu kommen - das hätte mich vielleicht schon stutzig machen können, fällt mir gerade auf. Jedenfalls fiel ich um 2:30 morgens todmüde in mein Hotelbett, und hatte mein Handy nach der Landung noch gar nicht angeschaltet. Ist in Indien alles etwas komplizierter und weil ich am nächsten Morgen sowieso wieder am Flughafen sein musste - 3 Stunden vor Abflug nach Guwahati - beschloss ich, dass ich lieber ein wenig Schlaf bekam, statt genervt eine Telefon- oder Internetverbindung aufzubauen. Ob ich nun 3 Stunden früher die schlechten Nachrichten abhörte, die mein Freund mir da bereits hinterlassen hatte - es hätte nichts verhindern können, was dann auf mich zukam.

Jedenfalls schaltete ich erst um kurz nach 7:00 am Morgen, nachdem ich eingecheckt hatte und mir irgendwo ein lausiges Frühstück im Flughafen von Delhi besorgt hatte, mein Telefon ein. Tshering hatte mir am Vortag und in der Nacht mehrfach Nachrichten hinterlassen, mich um Rückruf gebeten - und ich verstand zunächst überhaupt nicht, was er mir zu sagen hatte: Er hatte sich noch nicht auf den Weg nach Guwahati gemacht und war noch an der Grenze in Bhutan, in Samdrup Jongkhar. Das war zunächst noch nicht besorgniserregend - es würde noch 6 Stunden dauern, bis ich landete - und er hatte einen Fahrer gebucht, der ihn rechtzeitig zu meiner Ankunft an den Flughafen bringen sollte und dann sollte für uns beide die Tour beginnen. Aber Tshering meinte, dass nun alles anders sei, denn in Assam und insbesondere in Guwahati wären politische Unruhen ausgebrochen. Da es insbesondere in Assam und an der südlichen Grenze Bhutans mit indischen Unabhängigkeitskämpfern immer mal wieder zu kriegerischen Scharmützeln kommt, hatte Bhutan umgehend die Grenze zu Indien dicht gemacht. Niemand kam rein - und Tshering kam nicht raus. Die politischen Demonstrationen in Guwahati waren dieses Mal aber nicht von einer chaotischen Rebellen-Junta aus dem Dschungel initiiert, sondern von Studenten und Intellektuellen - wie in der selben Woche noch in zahlreichen anderen Städten Indiens, vor allem in Delhi und Mumbai. Auslöser war ein umstrittener Gesetzesbeschluss der nationalen Regierung Modis Anfang Dezember. Noch hatten weder Tshering noch ich irgendwelche Hintergrundinfos und es war auch nicht einfach, sich in den wenigen Stunden am Flughafen in Delhi ein Bild zu machen. Fakt war: Es gab für mich keine Alternative, als nach Guwahati zu fliegen, weil meine Einreise-Papiere für Bhutan vorschrieben, dass ich mich am 13. Dezember am Grenztor in Samdrup Jongkhar einzufinden hatte - nicht vorher, nicht nachher und schon gar nicht an einem anderen Grenzposten. Ich konnte jetzt nicht ohne weiteres meine Pläne ändern und einfach so von Delhi nach Paro fliegen. Es war außerdem klar, dass ich keine Unterkunft in Guwahati hatte. Ich durfte auch nicht von Guwahati an die Grenze Bhutans fahren, weil es in ganz Assam eine Ausgangssperre gab. Ich surfte mit meiner Internet-Verbindung am Flughafen in Delhi noch nach Hotels - bevorzugt in einer der internationalen Hotel-Ketten der Stadt - und ich hatte auch schon einige Hotels ausfindig gemacht, aber noch nicht gebucht. Ich war der Meinung, dass ich erst einmal vor Ort die Lage kennen musste - und dann immer noch über das Internet was buchen konnte.

Das erste, was ich nach der Landung in Guwahati mit bekam: Die ganze Flughafen-Halle war schon verstopft von gestrandeten Reisenden, die sich darauf einstellten, an diesem Tag nicht mehr fort zu kommen. Das Zweite, was ich registrierte: Es gab keine Internetverbindung - die war von der Regierung still gelegt worden.
In der Flughafen-Halle gab es ein Schild, das auf einen Schalter für Hotelbuchungen außerhalb der Halle verwies. Diesen Schalter habe ich nie gefunden - stattdessen wurde ich, als eine der wenigen westlichen Touristen an diesem Tag in der Stadt leicht zu erkennen, von zwei Militär-Polizisten mit Maschinengewehren angesprochen … wie es weiter ging, lest' Ihr im Adventsblog Tag 15 …